Musik verändert alles. Aus dieser Vorstellung heraus komponiere ich.
Was mich dabei interessiert, sind Veränderungsprozesse, denn nur das Veränderbare, das Gestaltbare hat meiner Meinung nach Bestand.
Meine Werke widerspiegeln ein offenes musikalisches Empfinden und Denken, das sich häufig in Werkkomplexen ausdifferenziert, weil ein wie auch immer stattfindender Erkenntnisgewinn meiner Meinung nach verschiedene Perspektiven benötigt.
Komponieren bedeutet für mich auch, einen verantwortungsvollen und immer neuen Blickwinkel einzunehmen auf bestimmte Aspekte der Gegenwart - nicht zuletzt um diskursfähig zu sein.
Ich möchte anspruchsvolle Musik schreiben.
Ich möchte Musik komponieren, die präsent in nahezu jeder Sekunde erscheint, die - bei aller Reflektiertheit - poetisch aufgeladen und im Grunde auch das ist: ziemlich gut gemacht.
Gloria [aus: Missa tota - desire V. Ein Kommentar] . Die Missa tota ist keine Messe für den Gottesdienst. Sie ist ein Kommentar, mein commentus, abgeleitet von comminisci (lateinisch: sich ins Gedächtnis zurückrufen, sich zurück- besinnen); sich aber ebenso auf das lateinische commentum (etwas Ausgesonnenes, Erfindung, Einfall) beziehend. Zwischen diesen beiden Polen, Besinnung und Erfindung, wandelt das Stück. Mit dem lateinischen Text transportiert sich jene geschichtsbezogene, also rückschauende Dimension fast wie von selbst, denn mit ihm assoziierten sich mir zunächst vorrangig Bezüge zur Vergangenheit. Inspirierender jedoch als dieser Aspekt erschien mir die Frage der Beziehung dieses wunderbar archaischen Textes zur Gegenwart, also letztlich das, was ich ihm musikalisch hinzuzufügen in der Lage sein würde und was sich aus beiden Strängen an Interaktion herstellt.
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Sanctus
Carsten Hennig . 2018
Sanctus [aus: Missa tota - desire V. Ein Kommentar] . Dieses Sanctus ist - trotz aller in 2000 Jahren Kirchengeschichte gemachten Erfahrung von erduldetem und zugefügtem Leid - ein Jubelgesang, allerdings einer, der in einer Balance aus Überwältigung und Neugier herauszufinden versucht, was die Substanz hinter der Euphorie sein mag. Die Musik zeigt bei aller Energie auch ihrer Materialität, ihre Machart, tritt immer wieder in den Schatten der Scham zurück und holt von dort aus Schwung, um ins Fühlen zu kommen.
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Gold Remix
Carsten Hennig . 2022
Gold Remix [aus: unser Kapital] . Als Synonym für Macht, Reichtum und Beständigkeit besitzt Gold eine lange und recht bedeutende Tradition. Kaum ein anderer Stoff ist ästhetisch und ökonomisch so besetzt und setzt zugleich so vielfältige menschliche Energien frei wie dieses Metall. Gold bewegt, belebt, ermöglicht und allein die Aussicht auf eine angemessene Entlohnung mobilisiert ungeahnte Kräfte. Das dritte Stück des Zyklus unser Kapital für 9 Posaunen und Blasorchester fokussiert die Bemühungen, mächtig, reich, bedeutend zu sein als ein sinnentleertes, antiquiertes Ritual.
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Gier aus "Unser Kapital"
Carsten Hennig . 2022
Gier [aus: unser Kapital] . Gier als Fort-oder Rückschritt? Das zweite Stück aus dem Zyklus unser Kapital lotet die Möglichkeiten von Musik aus, einen Bezug zu gesellschaftlich relevanten Phänomenen herzustellen. Auch wenn diese Intention an Grenzen stößt, verweist sie doch auf die Notwendigkeit, als Komponist*in Stellung zu beziehen.
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Agnus Dei
Carsten Hennig . 2024
Agnus Dei [aus: Missa tota - desire V. Ein Kommentar] . Hoffnung als einziger Ausweg.
Dieses Agnus Dei formuliert gemäß auch der ursprünglichen liturgischen Bedeutung innerhalb des Messordinariums eine Bitte um Versöhnung. Der abschließende Teil der Messe ringt um einen Willen und ein Bekenntnis zu einem Glauben, der das Gute, das Liebevolle in der Ahnung, vielleicht sogar in dem Wissen anruft, dass es so etwas wie Gnade und Frieden als Perspektive tatsächlich gibt.
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Massen
Carsten Hennig . 2024
Massen . Massenphänomene sind faszinierend auf Grund ihrer Beweglichkeit, den gestalterischen Möglichkeiten, sie sind abwechslungsreich, formieren sich zu immer wieder neuen Konstellationen und können eine große ästhetische Qualität entfalten - genau wie diese Musik.
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Feltrinellis Aschenbecher 2
Carsten Hennig . 2024
Feltrinellis Aschenbecher 2 [aus: Übergangsöl] . Giangiacomo Feltrinelli war eine der schillerndsten Figuren der jüngeren italienischen Geschichte. Als sehr erfolgreicher Verleger radikalisierte er sich Ende der 1960er-Jahre zunehmend. Er plädierte für die Abschaffung des Kapitalismus und stand in Kontakt zu verschiedenen Extremistengruppen und gründete schließlich seine eigene Gruppe, die GAP (Gruppo d'Azione Partigiana). Diese sollte, wenn nötig, auch gewaltsame Mittel nutzen, um ihre politischen Ziele zu verwirklichen. Ende 1969 ging der Verleger in den Untergrund. Er besorgte unter anderem die Pistole, mit der am 1. April 1971 in Hamburg der dortige bolivianische Konsul Roberto Quintanilla erschossen wurde. Quintanilla war führend an der Polizeiaktion zur Aufspürung und Ermordung Che Guevaras beteiligt gewesen. Nach verschiedenen kleineren Aktionen der GAP wollte Feltrinelli am 14. März 1972 angeblich einen Hochspannungsmast in Segrate bei Mailand sprengen. Nach den Ermittlungen der Polizei ging die Sprengladung jedoch vorzeitig los. Er wurde tödlich verletzt. Text: Dieter M. Gräf . Sprecher: Helmut Zhuber
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Kyrie
Carsten Hennig . 2024
Kyrie [aus: Missa tota - desire V. Ein Kommentar] . Diese Musik ist Anruf, Aufruf, Beschwörung im Angesicht gefühlter Größe oder der Sehnsucht danach. Jedes Gebet ist die Vergewisserung hinsichtlich einer Beziehung. Im Kyrie werden die Materialqualitäten der gesamten Missa tota exponiert. Raumgreifend und emphatisch.
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davor war immer schon etwas
Carsten Hennig . 2023
davor war immer schon etwas . Der Frage, wie eine Komposition beginnt, widme ich in der Regel viel Zeit. Ähnlich dem ersten Satz in einem Roman ermöglichen mir die ersten Takte in einem Stück, einen Ausgangspunkt für alle weiteren Beziehungsebenen des Werkes zu setzen. Gelingt diese Setzung eines akustischen Nullniveaus, so sind (theoretisch) alle Ereignisse von dort aus beurteilbar. Dieses hier erklingende Stück verzichtet allerdings auf jene Setzung eines Nullpunktes; es beginnt in dem Bewusstsein, dass davor bereits Musik da ist, nur eben nicht notiert wurde. Es beginnt unvermittelt. Dennoch ist das Material und der Umgang damit - trotz seiner konsonantisch-dissonanten Ambivalenz - so klar, dass das Kalkül der unmittelbaren Erfahrung aufgehen sollte. Und vielleicht gelingt es sogar, das Empfinden zu wecken für das Eingebettetsein jeglicher Musik in andere Musik.
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CLARETTA
Carsten Hennig . 2024
Claretta [aus: Übergangsöl] . Claretta verhandelt die Glanzzeit, den Abstieg, den Tod und die Zurschaustellung von Mussolini und seiner Geliebten Claretta Petacci . Text: Dieter M. Gräf . Sprecher: Helmut Zhuber
Förderungen
Stipendium der Villa Massimo Rom
Stipendium der Villa Aurora in Pacific Palisades, Los Angeles
Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Stipendium Cité Internationale des Arts Paris, Kompositionswettbewerb
Arbeitsstipendium des Ministeriums für Bildung und Kultur Mecklenburg/ Vorpommern
Preise
2. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb Luxembourg
BMW Kompositionspreis der Musica Viva
Kompositionspreis beim Francisco Escudero International Composition Competition
Kompositionspreis der Winfried Böhler Kultur Stiftung
Publikumspreis beim Internationalen Musiktheaterwettbewerb der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik und dem Staatstheater Darmstadt
Kompositionspreis der Gertrud und Hans Zender Stiftung
1. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb "Brandenburger Biennale"